Meine Nepalreise vom 7. November bis 17. Dezember 2008

Wer, so wie ich, die Berge liebt, der will einmal in den Himalaya um den höchsten Gipfeln der Welt ganz nah zu sein. Mein erster Versuch ging schief, der geplante Besuch in Tibet im Frühjahr 2008 fiel der Grenzschließung von China zum Opfer. Nun also die zweite Chance, mit Nepal als Ziel. Zwar fehlt mir noch die Trekkingerfahrung über Tage/Wochen hinweg, aber zur Vorbereitung standen neben viel Ausdauertraining sieben verschiedenartige Marathonrennen in den letzten achtzehn Monaten auf dem Plan.

Nebenan die Karte von Nepal mit der groben Wegskizze meiner Reise. Zu den Trekkingtouren am Annapurna sowie am Mt. Everest gibt es später passend noch detaillierte Karten, um Namen und Orten auch ein Gesicht zu geben.

Willkommen in Kathmandu, Nepal

1. Woche vom 7. bis 13. November 2008
Am Freitag mit dem Mietwagen von Crimmitschau nach Frankfurt/Main und spät abends der Flug mit Qatar Air nach Doha. Guter Flieger, feines Essen, tolles Entertainment. In Doha eine Pause im unschönen Flughafen und verspätet weiter nach Kathmandu. Leider treffen wir dort erst nach der Dämmerung ein. So verschwindet die Hoffnung bereits einen ersten Blick auf die Berge des Himalaya zu erhaschen im Dunkeln. Im Flughafen von Kathmandu ist Licht Mangelware und die schier endlose Schlange am Visaschalter nervt. Dann klappt die Abholung durchs Hostel nicht und ich muss mit den Taxifahrern feilschen. Geschlaucht vom Jetlag und verärgert über die schlechte Organisation sinke ich schließlich ins Bett. Die ersten Tage in Kathmandu voller neuer Eindrücke. Der Kulturschock ist gering, trotz Menschenmassen, Dreck und Lärm. Die letzte Chinareise hat wohl abgehärtet. Man sieht das Kathmandu nicht für den modernen Verkehr gebaut ist. In den engen Gassen arrangieren sich Motorräder, Fußgänger, hupende Autos und heilige Kühe. Nachts ist es übrigens erstaunlich duster. Zum einen sind da periodische Stromabschaltungen. Die Leistung der Kraftwerke reicht nur für einige Stadtteile, welche nach Plan, in der Zeitung abgedruckt, zu- und abgeschaltet werden. Zum anderen sind Straßenlaternen selten, genau wie andere Lichtquellen. Seltsam die Großstadt so dunkel zu erleben.

Stupa Swayambhunath 

                                   unterwegs in den Straßen von Kathmandu

Bei den Spaziergängen durch Kathmandu lauert praktisch hinter jeder Ecke etwas Neues oder Exotisches, egal ob im positiven oder eher negativen Sinn. Ich besuche die bekannteste und heiligste Stupa des Landes, Swayambhunath und bin des Öfteren am zentralen Platz Durbar Square mit dem Palast dahinter. Es zeigt sich dabei ein Mix aus konservativ und rebellisch, aus arm und reich, aus historisch und High Tech. Das ist verblüffend, verstörend und regt so manches Mal zum Nachdenken an. Ich streife gern auf immer neuen Wegen durch die Gassen und nehme dabei ein klein wenig die Stadt und deren Kultur in mich auf.

am Durbar Square                

   Orte der Gottesanbetung

  da noch die alten Brahmanen - da schon das moderne Nepal

Ganz nebenbei den notwendigen Papierkram erledigen. In Nepal braucht man das TIMS, die landesweit gültige Wandererlaubnis. Gleichzeitig besorge ich mir den Trekkingschein für die als erstes angepeilte Runde um das Annapurna Massiv. Beides erledigen auch Agenturen für einen - allerdings zum doppelten Preis. Deren Behauptungen das das zuständige NTB Büro weit außerhalb der Stadt liegt und endlose Schlangen davor warten entlarve ich bald als Schwindelei.

farbenfrohe Marktstände     

         verborgene Tempel in den Hinterhöfen der Stadt

       an einer Tankstelle

Dienstag die Fahrt nach Pokhara. Für die 200 km braucht der Bus sechs Stunden. Schlimme Straßen mit Schlaglöchern so groß wie Satellitenschüsseln, viele Fahrzeuge und die kurvenreiche Strecke bremsen den Verkehr. Manche überholen sehr riskant, ausgebrannte Autos und LKW Wracks am Strassenrand sind deutliche Mahnmale. Auf Empfehlung des Hostels in Kathmandu hatte ich in Pokhara vorab reserviert und werde vor Ort nicht enttäuscht. Ein kleines sauberes Hotel mit freundlichen Leuten. Beim Campingausrüster nebenan leihe ich eine dicke Daunenjacke aus, um der Kälte in den Bergen etwas entgegenzusetzen. Kostenpunkt: 0,50 € am Tag. Beim Bummel durch die Gegend sind trotz Wolken manchmal die weissen Gipfel zu sehen, worüber ich mich wie ein Schneekönig freue. Mittwoch bereite ich die erste wirklich grosse Wanderung meines Lebens vor und versuche den Rucksack so schlau und leicht wie möglich zu packen. In der Nacht schlafe ich richtig schlecht. Vielleicht war Aufregung, vielleicht ungewohnte Geräusche schuld. Donnerstag bleibt mein überflüssiges Gepäck im Hotel, wo 5 Uhr morgens niemand da ist der es entgegen nimmt. Ich lasse es im Innenhof vor der Tür liegen, in zwei bis drei Wochen wird man sehen ob es von den Richtigen gefunden wurde. In der Dämmerung wird unser Bus filmreif bis aufs Dach beladen, inklusive einiger Kajaks (?!). Den engen Raum im recht kleinen Bus teilen wir mit vielen Einheimischen und erreichen so Besisahar (790 m Höhe). Die meisten der circa 20 Wanderer im Bus machen erst mal Mittagspause. Ich gehöre zu den wenigen die gleich los laufen. Die heutige Strecke erscheint leicht. Ein Feldweg führt ins 13 km entfernte Ngadi Bazar (900 m Höhe). Ich laufe zu Beginn mit einem Chinesen und einem Amerikaner. Es ist warm, aber erträglich, trotzdem wird es hart mit den ungewohnten 20 kg auf dem Rücken. In Ngadi Bazar treffen dann langsam alle ein die mit im Bus saßen. Einige schlafen in der selben “Lodge” wie ich (die Nacht zu 2 €) und wir knüpfen erste Kontakte. Keine Ahnung was dann passiert, aber mein Körper baut rigoros ab. Symptome: Unwohlsein und Schwäche. Vielleicht war es das Essen oder die Anstrengung, auf jeden Fall räumt es mich im Laufe der Nacht mehrfach heftig aus. Ich fühle mich echt mies, unfähig durch den Himalaya zu laufen und überlege ernsthaft nach Pokhara zurück zu kehren.

meine Annapurna Runde     

       der Bus in Pokhara

   auf dem Weg in die Berge

2. Woche vom 14. bis 20. November 2008
Freitag Morgen fühle ich mich sehr schwach. Immerhin, das achtsam genossene Frühstück bleibt drin. Kampfgeist regt sich in mir, also vorerst weiter machen. Halb acht laufe ich vorsichtig los und werde bald von vielen anderen überholt. Unbeeindruckt davon suche ich meinen Rhythmus und will auf keinen Fall übertreiben. In Bahundande (1.295 m Höhe) der erste steile Anstieg mit 200 Höhenmeter auf kurzer Distanz und ich bin platt. Oben eine Mittagspause mit Blick auf das wunderschöne Tal. Das motiviert. Es geht mal besser, mal schlechter, wobei mir vor allem die kurzen und steilen An- oder Abstiege alles abverlangen. Beim Eintreffen in Chyamche (1.380 m Höhe) bin ich körperlich fertig, aber sehr glücklich es geschafft zu haben. Ich bleibe in der Lodge in der auch Bekannte von unterwegs übernachten. Vom Balkon des Restaurants hat man einen tollen Blick auf den Wasserfall gegenüber. Abend Programm: lauwarm duschen, in warme Wohlfühlklamotten schlüpfen und vorsichtig was essen. Der Teller bleibt halb voll, aber der Magen behält alles. Schon 21 Uhr liege ich im Bett und schlafe bis 6 Uhr morgens durch.

Manisteine am Wegrand   

     ein Stück der Strecke

     einfachste Verhältnisse

   kleine Heiligtümer überall

Samstag fühle ich mich erneut besser und breche nach dem gehaltvollen Frühstück vor 8 Uhr auf. Gleich in der ersten Stunde steigt der Pfad steil nach Tal (1.680 m Höhe) an. Das verlangt viel vom Körper. Dann wird es “flacher” und leichter. Bekannte sind mal vor, mal hinter mir. Langsam glaube ich wieder auf einem normalen Level zu sein. Die Aussicht wird beeindruckender, die Fotostopps zahlreicher. Die Dörfer Dharapani und das hässliche Bhagarchhap bleiben zurück, dann steht die letzte Prüfung des Tages an: der lange und steile Anstieg nach Timang (2.620 m Höhe), bei dem ich mich sogar durch eine Eselskarawane kämpfen muss. Das ist jedoch zusätzlicher Ansporn. In Timang sind auch Bekannte die eigentlich voraus sein müssten. Nun, kürzere Pausen und längere Laufzeiten, das bin ich in den Bergen gewohnt, haben mich wieder aufholen lassen. Eine heiße und wohlverdiente Eimerdusche neben der Lodge im kleinen Holzbau, als Abfluss fungieren die Lücken zwischen den Bodendielen ;-) Dann ein gutes Essen mit viel heißem Tee. Vom Fenster aus sieht man die eisigen Gipfel der ersten 6.000er. Sehenswert, toll, motivierend. Als abends die Temperatur im Restaurant unter 10°C fällt, treffen sich einige Gäste mit den Besitzerschwestern in der Küche am warmen Miniofen. Coole Runde. Nach dem Tag und diesem Abend bin ich mir sicher: bin drin im Trek - mit Leib und Seele! Sonntag bin ich schon vor dem 6 Uhr Wecker wach. Leider geht die Sonne hinter den fotogenen Gipfeln auf und verhindert so tolle Fotos. Das bremst keineswegs meinen neu erwachten Tatendrang. Nach einem guten Frühstück halb acht los laufen. Die heutige Etappe beginnt nur hügelig, das Auf und Ab geht trotzdem in die Beine. Schöne Landschaft, das Wetter so wie jeden Tag bisher mit Sonne und wolkenlosem Himmel. Die Wanderer am Weg kennt man inzwischen. Ich treffe mehrfach ein holländisches Paar mit ihrem Führer. Verlaufen ist übrigens unmöglich. Da ist nur ein Pfad, sowie alle paar Kilometer ein Dorf in welchem einem gern weitergeholfen wird. Am Nachmittag passiere ich eine absolut riesige, praktisch spalten- und bruchfreie Felsplatte, die fotogen und halb gebogen in der Nähe von Pisang “liegt”. Station mache ich in Upper Pisang (3.350 m Höhe). Das liegt ein gutes Stück über Lower Pisang, hat deswegen mehr Sonne und Aussicht. Erneut treffe ich in einer kleinen Lodge auf die Holländer. Das ist schön und irgendwie familiär. Der Chef vom Haus erzählt das heute Abend die örtliche Gompa auch für Fremde öffnet. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und können den Tempel ganz ohne Trubel erkunden.

immer tiefer in den Bergen

  holländische Wanderkollegen

   die Felsplatte bei Pisang

     Gompa in Upper Pisang

Montag laufe ich zu Beginn mit den Holländern, deren Führer einen Pfad oberhalb vom Hauptweg einschlägt. Belohnt werden wir dabei mit herrlichen Blicken auf das bevorstehende Hochtal gen Westen. Echt atemberaubend. Allerdings müssen wir dann steil runter, und kurz danach praktisch genau so wieder rauf. Das zermürbt. Einige Pausen am Weg, wobei vor allem die in Ngawal in Erinnerung bleibt - wegen dem Foto der alten Frau. Danach folgt ein langes auf und ab mit abwechslungsreicher Landschaft. Trotzdem ist die Erleichterung groß als ich in Braga (3.680 m Höhe) eintreffe, denn inzwischen ist die Sonne hinter den nahen Gipfeln verschwunden und es wird kalt. Der Ort erscheint im ersten Moment unansehnlich - bis ich die Gompa sehe die oben zwischen den Felsen “klebt”. Eine Lodge ist schnell gefunden und das übliche Abendprogramm läuft ab. Schlafen ist inzwischen ein kleines Problem, denn der Körper rebelliert in der Höhe. Ich habe keine Symptome einer Höhenkrankheit, aber der Schlaf ist flach und wird öfters unterbrochen. Dann schrecke ich hoch und habe kurz das Gefühl nicht genug Luft zu bekommen. Höchste Zeit für einen Tag Pause, um den für Höhenakklimatisation zu nutzen. Am nächsten Tag bleibe ich in Braga. Wäsche waschen, essen und gegen Mittag langsam die nahen Berge rauf, mit einem Abstecher ins förmlich am Fels klebende Dorf Braga. Auf den Yakweiden in 4.200 m Höhe mache ich im wärmenden Sonnenschein Pause und steige dann wieder zur Lodge hinunter. Das ist wichtig: dem Körper zeigen das die Luft noch dünner wird, aber dann in die “dicke“ Luft auf 3.700m zurückkehren. Soll helfen.

Blick auf Annapurna II und IV

das Dorf Braga                  

  das Hochtal mit Gangapurna

   das Nepal meiner Träume

     vom Leben gezeichnet

         Braga von oben

         Gompa von Braga

Ausnahme: schlechtes Wetter

Der Mittwoch beginnt ausnahmsweise trüb, dazu leichter Schneeregen. Davon unbeeindruckt 8 Uhr los laufen. In Manang treffe ich eine Stunde später die Holländer. Er hat starke Probleme mit der Höhe, also pausieren sie einen weiteren Tag um sich zu akklimatisieren. Bald wird das Wetter besser und die Wolken reißen auf. Spektakuläre Bilder, die ein Fotoapparat nur teilweise wiedergibt. Mit gutem Tempo laufe ich durch Gruppen und vorbei an Einzelnen Meter für Meter höher. Am frühen Nachmittag in Leddar (4.200 m Höhe). Genug für heute. Die Sonne genießen, auf Bekannte warten und einen waghalsigen Plan für morgen schmieden. Abends wird es schnell kühl und der Wind pfeift durch die Ritzen. Gut das ich einen tollen Daunenschlafsack habe, denn nachts frieren würde den Körper komplett auszehren. Donnerstag klingelt mein Wecker 3.30 Uhr. Das Aufstehen mühelos, mein Schlaf ist in der Höhe selten tief. Allein breche ich auf. Es ist so kalt das mein Wasser bald in der Fasche gefriert. Sorgen mache ich mir keine, auch wenn in der Stille die Augen der Tiere am Wegesrand im Schein der Kopflampe aufleuchten. Sind nur Pferde und Yaks - oder? 6 Uhr in Thorung Phedi (4.520 m Höhe), wo eben erste Wanderer starten. Nun geht es steil bergan. Ich habe bereits meinen Rhythmus und lasse bald alle hinter mir. 7 Uhr im High Camp, das ist früher als geplant. Ein herzhaftes Frühstück und bevor der Körper auskühlt weiter. Die Sonne kommt raus, wärmt aber nur mäßig. Bewuchs ist auf über 5.000 m Höhe keiner mehr zu sehen. Nie zuvor war ich so weit oben, und der Körper fordert seinen Tribut. Für jeden Schritt brauche ich einen Atemzug, das Zeitgefühl wird relativ und praktisch alle 30 m Höhenzuwachs ist eine Verschnaufpause nötig. Das Gehirn beginnt unter der dünnen Luft zu leiden. Ich fange zur Sicherheit an mir selbst zu erzählen wer ich bin, wo ich wohne und löse Matheaufgaben. Eine irre Grenzerfahrung! Dann der Thorung La Pass (5.419 m Höhe). Ich fühle mich wie ein Schiffbrüchiger der Land sieht. Was für ein Glücksgefühl da oben zu stehen. Keine Ahnung wie spät es ist, meine Uhr ist ausgefallen. Fotos, eine Tasse Tee im kleinen Schutzhaus und bald weiter. Hinter dem Pass fällt der Pfad schier ins Bodenlose. Die Landschaft karg und selbst weiter unten kaum Bewuchs, das ist die Regenschattenseite des Himalaya. Bei einer Pause auf 4.200 m schlafe ich fast ein, rapple mich aber wieder auf. Am Nachmittag in Muktinath (3.760 m Höhe) an der erstbesten Lodge den Rucksack von den Schultern werfen und nur noch ausruhen. Das war die bisher härteste Etappe in Nepal, aber ich bin trotzdem richtig glücklich.

Thorung La - es ist geschafft

         Blick auf Jarkhot

           nach Kagbeni

           Oase Kagbeni

3. Woche vom 21. bis 27. November 2008
Freitag. Ich fühle mich trotz der gestrigen Anstrengung fit und breche 8 Uhr auf. Die Landschaft nun karg und trocken, das hat auch was. Bergab komme ich gut voran und überhole einige Gruppen samt Trägern. Ohne Uhr ist mein Vorankommen aber nur zu schätzen. Bald taucht die Oase Kagbeni (2.850 m Höhe) auf, ein wohltuend farbiger Tupfer in der Landschaft. Nun führt der Weg durchs fast ausgetrocknete Flussbett, ab Ekla Bhatti eine Tortur. Schutzlos dem stürmischen Wind ausgesetzt, quälen sich alle über runde, teils fußballgroße, Steine. Jeder sucht Schutz hinterm Vordermann, um nicht “sandgestrahlt” zu werden. Die Ankunft in Jomsom (2.760 m Höhe) ist eine Erlösung. Den wohl langweiligen Abschnitt bis Tatopani will ich mit dem Bus, ein Jeep, fahren. Der findet sich, startet aber erst bei genügend Passagieren, also in Sichtweite bleiben. Der Laden um die Ecke hat eine Batterie für meine Uhr, kleines Glück auf großem Trek. 14.30 Uhr plötzlich Trubel und wenig später quetschen sich mehr als 20 Leute mit Gepäck in und auf den Jeep. Da bleibt kaum Luft zum Atmen. Auf schlechten Feldwegen rütteln wir uns nach Süden. Leute steigen ein und aus, langsam nervt die enge Sitzerei. Südlich von Ghasa ist plötzlich Schluss. Alle raus, auch wenn Tatopani noch 10 km weit weg ist. Die Erklärung gibt es einen Kilometer weiter: ein Erdrutsch hat die halbe Strasse verschüttet. Dahinter eine Jeepstation in der die Touristen (5 Russen und ich) übernachten sollen. Der Platz sagt mir nicht zu.

         karge Landschaft

   Steinwüste vor Jomsom

       Bus/Jeep in Jomsom

           bei Tatopani

Als einziger laufe ich weiter und brauche bei einbrechender Dunkelheit bald die Stirnlampe. Ein paar Einheimische laufen mal vor mal hinter mir. Langsam schwant mir das Risiko: Nebenan eine tiefe Schlucht mit brüllendem Fluss und ich ganz allein. Auch wenn ich kräftiger und größer bin als die Nepali, gegen drei von ihnen bliebe keine Chance. Ein mulmiges Gefühl kommt auf, das wächst als einer von ihnen schließlich in meiner Nähe bleibt. Dabei spricht er öfters in so etwas wie ein Funkgerät. Oh Mann, in welches Abenteuer bin ich da wieder rein geraten. Die Erklärung folgt eine halbe Stunde später: der gute Mann hat in Tatopani beim Militär “angerufen” und für uns eine Abholung organisiert. Er war der Meinung das ich sonst nicht sicher bin. Erzählt hat mir das der englisch sprechende Soldat im Jeep, mein Begleiter kann nur nepalesisch. Was habe ich ihm bei unserem Abschied gedankt. Der abenteuerliche Tag geht in der erst besten Lodge in Tatopani (1.230 m Höhe) zu Ende, wo ich nach dem Essen hundemüde ins Bett sinke. Samstag eine Ruhepause, samt dem Schmieden eines neuen und recht ambitionierten Planes. Am Sonntag hätte ich gemütlich weiter nach Beni und Baglung laufen können, wo die Umrundung des Annapurna Massivs mit der Busfahrt nach Pokhara dann endet. Doch ich will mehr! Inzwischen kann ich meine Fitness gut einschätzen und ausspielen. Mit guten Rhythmus geht es heute den ganzen Tag lang nur bergan. Über Sikha (1.930 m Höhe) führt ein alter Pfad durch teils märchenhaften Wald nach oben. Tolles Wetter, fantastische Sicht. Auch wenn der Körper manchmal schmerzt, es geht immer weiter. 14 Uhr Ankunft in Ghorepani (2.840 m Höhe). Das Gepäck ablegen und gleich zum Poon Hill (3.190 m Höhe), von wo man einen wunderbaren Panoramablick auf Annapurna (8091 m, 10. höchster der Welt) und Dhaulagiri (8.172 m, 7. höchster) hat. Das klappt mit durchziehenden Wolken nur teilweise, aber ich habe diese genialen Momente da oben ganz für mich allein.

uralte Pfade führen durch Märchenwald hinauf nach Ghorepani

     Poon Hill: der Dhaulagiri

   das Hochtal nach Deurali

Der Montag beginnt sehr neblig, weshalb ich an einer Kreuzung falsch abbiege und den richtigen Weg erst nach einer großen Schleife um Ghorepani herum wiederfinde. Der verläuft dann nach dem immer gleichen Muster: hinter einem Bergrücken eine  halbe Stunde steil bergab laufen, dann eine kleine Brücke überqueren und wieder steil bergauf eine Stunde bis zum nächsten Bergrücken. Das Ganze immer und immer wieder. Kein Höhengewinn, aber viele, viele Höhenmeter. Ausblicke sind heute selten, zu neblig und zu waldig. Immerhin komme ich bis Chomrong (2.150 m Höhe). Dort reißt am nächsten Morgen die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf das enge Tal hinauf zum Annapurna frei. Für den Rest des Tages bleiben die Ausblicke dann leider auf die steilen Wände des Tales beschränkt. Der Abschnitt bis Deurali (3.160 m Höhe) ist daher kaum erwähnenswert. Am Mittwoch schon morgens blauer Himmel, allerdings schafft es die Sonne erst nach 10 Uhr ins enge Hochtal. Bei 5°C laufe ich gemütlich 8 Uhr los, die heutige Strecke ist recht kurz. Das Wetter bleibt super und nach dem MBC (Machhapuchhre Base Camp, 3.680 m Höhe) beginnt der phantastisch schöne Teil. Die eisigen Gipfel bilden praktisch die Wände für ein Amphitheater mit wahrlich gigantischen Ausmaßen. Unbeschreiblich schön. 11 Uhr im ABC (Annapurna Base Camp, 4.130 m Höhe). Die Welt ist still hier oben und nur wenige Wanderer anwesend. Der Rest des Tages ist purer Genuss. Herum spazieren, in der Sonne sitzen und die Schönheit des Himalaya bewundern. Abends taucht die Sonne mit ihren letzten Strahlen alles in ein surreales Licht. Die Temperatur fällt schnell unter -10°C und wir treffen uns im Restaurant, wo ein Kerosinbrenner unter dem Tisch die einzige Heizquelle ist. Die Truppe passt und unsere Köche geben ihr bestes. Mein Plan ist aufgegangen, all die Anstrengung der letzten Tage ist vergessen. Mein Geist wie auch mein Blick sind so klar wie der Sternenhimmel mit seinen Millionen von Lichtern.

Ankunft im ABC              

Pflanze am Wegesrand    

         die Lodge mit Blick auf den Annapurna I (8.091m)

                 in der Lodge: Restaurant und Küche

       der Machhapuchhre

 der Machhapuchhre am Abend

27. November - mein Geburtstag. Der Wecker um 6 Uhr, weil ich den Sonnenaufgang über den Bergen erleben möchte. Und der ist echt schön. Nach dem Frühstück packen und 8 Uhr das ABC verlassen. Heute geht es fast nur bergab, gefährlich rutschig dabei die überfrorenen Steine. Ich komme unfallfrei durch und passiere Deurali, Dovan und Bamboo. Nachmittag der schwere Schlussanstieg, gezählte 2.000 mehr oder minder hohe Stufen führen nach Chomrong, wo ich in der bekannten Lodge nächtige.

4. Woche vom 28. November bis 4. Dezember 2008
Am Freitag zurück in die Zivilisation. Hinter Chomrong fällt der Weg praktisch ins Bodenlose. Steile Pfade und Treppen führen in einer Stunde 900 Meter hinab. Die Vegetation wird grüner und Landwirtschaft mit Terrassenanbau häufiger, wobei sich einige Felder wohl über mehrere Vegetationszonen erstrecken. Es wird wärmer und ich lege Schicht für Schicht meiner Sachen ab. Hinter New Bridge (1.460 m Höhe) steigt der Weg wieder an, mit müdem Körper ist nun Kampfgeist gefragt. In Landruk der herrliche Blick zurück auf die Berge aus denen ich gerade komme. Mittagspause in Tolka (1.800 m Höhe). Dann der letzte Pass, 2.100 m hoch, bevor viele, viele Stufen hinunter nach Phedi (1.180 m Höhe) führen. Nachmittag stehe ich dort an der Straße und halte einfach ein Sammeltaxi an, das mich nach Pokhara bringt. Das Gasthaus von vor 16 Tagen ist ausgebucht, aber mein zurückgelassenes Gepäck noch da! Der Besitzer bringt mich zu einem befreundeten Hotel. Das ist sogar noch besser, mit Bad(ewanne) und TV für nur 10 USD die Nacht. Während zwei Tagen Pause und Ruhe in Pokhara kann ich auf tolles Trekking im höchsten Gebirge der Welt zurück schauen. Geschätzt lief ich mit Gepäck in 16 Tagen rund 250 km und 25.000 Höhenmeter! Unglaublich und fantastisch. Der Blick in den Spiegel zeigt das der Körper Tribut gezahlt hat, denn da fehlen einige Kilo, aber ich fühle mich bis in die letzte Faser meines Körpers fantastisch. Das Training der letzten Jahre haben sich definitiv gelohnt.

Kalender mit nepalesischen Zahlen, verwirrend, weshalb man bei jedem Geldschein/-stück
zwei Mal schaut

     Stillleben bei Ghorepani     

 Blick von Landruk in die Berge

Terrassenfelder ohne Ende

     mein Hotel in Pokhara

       schönes Farbspiel

   Busfahrt nach Kathmandu

Während dem Aufenthalt in Pokhara organisiere ich die Kathmandu/Lukla Flüge und verlängere mein Visa, bei Einreise werden  nur vier Wochen genehmigt. Dabei lerne ich zwei Frauen aus Deutschland kennen, die mir Monate später in Laos wieder über den Weg laufen sollten. Zufälle gibt’s... Montag mit dem Bus nach Kathmandu, wieder eine lange und zermürbende Fahrt. Ein Hostel ist schnell gefunden. Nichts großartiges, es ist ja nur für eine Nacht. Dienstag soll das Abenteuer weiter gehen. Weil es am Annapurna so gut lief und das Wetter trotz nahendem Winter noch super ist, versuche ich an den Mt. Everest zu kommen. Dafür der Flug nach Lukla, dem Ausgangspunkt für die Everest Region. Leider warte ich am Flughafen wie so viele andere an diesem Morgen vergebens. Wegen schlechter Sicht in Lukla werden alle Flüge mehrfach verschoben und letztlich für den Tag abgesagt. Also mit dem Taxi zurück in die Stadt. Mittwoch das gleiche Spiel. 5 Uhr aufstehen, 6.30 Uhr am Flughafen, wo wir erneut warten müssen. 8.30 Uhr gibt es grünes Licht und die Flieger starten im 20 Minuten Takt. In der kleinen Maschine nur je eine Sitzreihe an den Fenstern, aber mit Stewardess. Gleich nach dem Start gibt es Druck auf die Ohren: die Maschine hat keinen Druckausgleich. Dafür zieht eine tolle Landschaft unter uns dahin und am Horizont leuchten weiße Gipfel. Eine halbe Stunde später der Landeanflug in Lukla. Jetzt wird klar warum das einer der gefährlichsten Landeplätze der Welt ist. Wir überfliegen nur knapp einen Gipfelgrat und sinken darauf schnell nach unten, wobei die Landebahn voraus mitten im Berg zu sehen ist. Sie steigt leicht an und endet abrupt an einer Felswand. Da bekommen selbst Vielflieger feuchte Hände. Aber alles geht gut. Landen, aussteigen, Gepäck raus, neues Gepäck rein, neue Gäste steigen ein und schon ist der Flieger wieder weg.

im Flieger nach Lukla 

   die Landschaft unter uns...  

         ...und am Horizont

         Landebahn in Lukla

Im Flughafen von Kathmandu hatte ich Gerhard, ein Deutscher, kennen gelernt. Nach dem Ausleihen einer Daunenjacke in Lukla (2.840 m Höhe), was komischerweise viel schwieriger ist als in Pokhara, laufen wir gemeinsam los. Bald wird klar das meine Fitness weit über der von Gerhard liegt, aber heute passe ich mich ihm an. Der breite Weg steigt langsam an und macht wenig Mühe. Nach der Mittagspause in Phakding laufen wir bis Monjo (2.840 m Höhe). Dort kennt Gerhard schon eine Lodge in der wir  übernachten. Der Preis dafür liegt wie am Annapurna bei 1€, nur kostet das Essen im Verhältnis fast das dreifache. Dabei muss man bedenken das alles was es hier gibt bereits einige Tagesmärsche über die Berge hinter sich hat, näher führt nämlich keine Straße heran. Donnerstag laufe ich allein weiter und stehe bald am Eingang zum Sagarmatha Nationalpark, der die ganze Everest Region umfasst. Die TIMS Karte vorweisen und 10 € Eintritt zahlen, was wohl nicht mehr lange so günstig bleiben wird. Danach geht es vorbei an Dörfchen und ganz anderen Maniwänden als am Annapurna. Schliesslich überspannt die Hillary Bridge eine tiefe Schlucht. Diese Spende von Sir Edmund Hillary erspart viel steiles Auf und Ab. Dahinter warten 600 Höhenmeter steil rauf nach Namche Bazar. Ich finde meinen Rhythmus und komme gut voran. Bei einer Pause zeigt mir eine alte Obstverkäuferin zwei ferne Gipfel zwischen den Bäumen: Mt. Everest und Lhotse. Am späten Vormittag bin ich Namche Bazar (3.440 m Höhe). Etwas einkaufen, kurze Pause und weiter. Das Wetter ist wieder herrlich und mit jedem Schritt wird die Aussicht spektakulärer.

meine Route am Everest

 Besucherzahlen Nationalpark

             Maniwände

   links: Everest und Lhotse

Hinter Namche Bazar bleibt die Strecke relativ eben und läuft sich angenehm. Auffällig: die Leute hier sind selten freundlich und ich fühle mich nicht wirklich willkommen. Selten ein “Namaste” (nepalesischer Gruß). Vielleicht liegt es am Menschenschlag oder an der Touristenmüdigkeit der Einheimischen. Eins meiner Fotos zeigt die monatlichen Besucherzahlen, allerdings werden Träger und offizielle Expeditionen nicht mitgezählt. Wie man sieht waren allein im Oktober 2008 über 9.000 Touristen hier! Weil alle den selben Weg rein wie raus nutzen, verdoppelt sich gefühlt diese Zahl. Kein leichtes Spiel für die fragile Natur im hohen Himalaya. Mein Weg führt heute weiter nach Phungi Thanga, dort über den Fluss und dann steil 700 Meter höher bis Tengboche (3.860 m Höhe). Das Dorf liegt genial im Hochtal, Mt. Everest und Lhotse sind zu sehen und es gibt ein großes Kloster. Das garantiert genug Fotomotive. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmt mich. Im Moment gelingt wirklich alles, so kann es gern weiter gehen.

vor Phungi Thanga           

Tengboche und Ama Dablam  

     der Blick in verborgene Seitentäler, den Bergen so nah

         das Kloster Tengboche von außen und innen

     Dorfeingang Tengboche

 und wieder: Everest & Lhotse

5. Woche vom 5. bis 11. Dezember 2008
Freitag früh liegt die Temperatur im Zimmer nur knapp über 0°C, da fällt es schwer den warmen Schlafsack zu verlassen. Das Frühstück hilft auf die Beine zu kommen. Trotz Kälte 8 Uhr aufbrechen. Immerhin, die Sonne wärmt etwas und ich kann bald ein paar Sachen ablegen. Ohne große Anstrengung erreiche ich eine Stunde später Pengboche und mache 11 Uhr in Orsho eine längere Pause. Die Landschaft wird mit der Höhe karger und felsiger. Bei der niedrigen Temperatur hält sich im Schatten auch tagsüber das Eis. Schon bald ist Dingboche (4.410m Höhe), mein heutiges Tagesziel, erreicht. Im Reiseführer stehen nur drei Gasthäuser, doch inzwischen hat das Dorf wohl fast zwanzig. Ich wähle die Sherpa Lodge, mache Mittag und steige später zur Höhenakklimatisation auf 4.600 m hoch. Abends sieht man wie wenig Wanderer in Dengboche sind. Nur hier und da brennt Licht (“brennt” bedeutet: zwei kleine Sparlampen in einem Raum von 30m²). Auch in der Sherpa Lodge sind wir nur zwei Gäste. In der Nacht habe ich zum ersten Mal in der Everest Region den schlechten Schlaf der Höhe. Unangenehm, aber auszuhalten.

bei Pengboche           

   immer wieder Maniwände

     eiskalt, auch tagsüber

             Dengboche

Samstag bleibt mein Gepäck in der Lodge und ich breche mit dem Tagesrucksack auf, welch Erholung für Rücken und Schultern. Durch ein fast trockenes Flussbett führt der Pfad über viele Steine, ein schwieriges Laufen. Dazu weht es bei erneut strahlend blauem Himmel kräftig. Hinter Chukung geht es steil bergan. Der Wind wird immer stärker und der Untergrund noch schwieriger. Bei 5.300 Meter eine wüste Kletterei über Schieferbruch und Steine, die steilen Abhänge vom Hauptgrat gleich links und rechts von mir. 12 Uhr ist es vollbracht: ich stehe auf dem kleinen Gipfel des Chukung Ri (5.440 m Höhe). Dem stürmischen Wind zu entgehen ist fast unmöglich, aber die Aussicht lässt vieles ertragen. Der 360° Rundblick zeigt mehr als ein Dutzend eisiger Gipfel und Richtung Norden baut sich ganz nah die 3.000 Meter hohe Südflanke des Lhotse/Nuptse anscheinend unbezwingbar auf. Ein Anblick zum Niederknien, der aber auch zeigt wie klein und unbedeutend wir sind. Trotz Kälte und Wind bleibe ich eine Weile da oben, bis ich mich schweren Herzens auf den gefährlichen Abstieg begebe. Auf halber Höhe kommt mir ein Wanderer entgegen - aus Sachsen! Andere sehen wir nicht, also waren wir wohl heute die einzigen auf dem Chukung Ri. Am Abend treffe ich ihn samt Freundin zum Erfahrungsaustausch. Ansonsten wird es immer stiller in den Bergen, der Winter steht vor der Tür.

bei Dengboche               

       Blick vom Chukung Ri

     ich auf dem Chukung Ri 

  Südwand des Lhotse/Nuptse

Am Sonntag packe ich mir wieder das ganze Gepäck auf den Rücken und ziehe weiter. Es ist erneut ein strahlend schöner Tag, der mit niedrigen Temperaturen beginnt. Erst beim Laufen wird der Körper richtig warm und ich kann bald Handschuhe und dicke Daunenjacke ablegen. Eine Pause in Thogla bevor es über den gleichnamigen Pass geht. Auf dem stehen viele Steinmännchen, ein Werk fleißiger Wanderer. Von denen sieht man heute nur wenige und mir begegnet praktisch nur eine kleine Yak Karawane. 13 Uhr in Lobuche (4.930 m Höhe), mein Tagesziel. Nachmittags erklimme ich ein kleines Stück vom Berg Lobuche, allerdings “nur” bis 5.200 Meter. Die Aussicht atemberaubend, vor allem Khumbu Gletscher wie auch der Nuptse (7.861 m) beeindrucken. Der Blick auf den Gipfel begleitet mich den ganzen Abend aus dem Fenster der Lodge. Letzte Sonnenstrahlen tauchen ihn dann stimmungsvoll in rotes Licht. Abends Katzenwäsche mit etwas lauwarmen Wasser, nach fünf Tagen wurde das höchste Zeit.

Steinmännchen überall     

           Sommerhaus???

     Versorgungskarawane

   der Nuptse im Abendlicht

Montag früh breche ich mit dem Nötigsten im Tagesrucksack auf. Der Himmel zeigt sich spektakulär mit schnell durchziehenden Wolken am sonst tiefblauen Himmel. Ich steige von Lobuche weiter auf und bin 9 Uhr in Gorak Shep. Gleich dahinter beginnt der Aufstieg zum Kala Pattar, der im Vergleich zu den Gipfeln ringsum wie ein Hügel aussieht. Allerdings hat der es in sich. Erneut brauche ich zum Schluss einen Atemzug pro Schritt um dann auf 5.545 Meter Höhe ganz oben zu stehen. Unter mir liegt der gewaltige Khumbu Gletscher wie ein Fluss aus Eis und dahinter das Everest Massiv, der Gipfel fast greifbar nah. Per Luftlinie trennen mich keine 8 km vom höchsten Punkt der Welt. Leider ziehen graue Wolken auf und der Gipfel verschwindet zeitweise in einer Sturmwolke. Ich kreuze dann querfeldein Geröllhalden, Felsstürze und Erdrutsche um zum Khumbu Gletscher zu kommen Auf ihm laufe ich in Richtung Everest Base Camp, was durch Eisblöcke und Spalten zu einer Wegsuche durchs Labyrinth wird. Das Wetter trübt sich dabei weiter ein, was mir so weit oben im Himalaya nicht ganz geheuer ist. Da meldet sich die Vernunft und ich kehre lieber um. Der Weg zurück nach Lobuche ist noch ein hartes Stück Arbeit und ich treffe ziemlich erschöpft ein.

bei Lobuche           

morgendliches Wolkenspektakel

  Everest & Khumbu Gletscher

   auf dem Khumbu Gletscher

Der Dienstag wird ungeplant mein längster und härtester Tag. Es ist erneut kalt, drinnen wie draussen, was mit der Zeit mürbe macht. Trotz wolkenlosem Himmel verwerfe ich die Idee erneut zum Kala Pattar und Mt. Everest Base Camp zu laufen. Statt dessen 8 Uhr der Aufbruch zum langen Abstieg. Unterwegs wasche ich ein paar Sachen im Bach und hänge sie zum Trocknen an den Rucksack - so macht man das hier oben. Trotz schwierigem Gelände komme ich schnell voran. 9 Uhr in Thogla, 11 Uhr Shomawe und eine Stunde später in Pangboche. Dann ein anstrengendes Auf und Ab, wobei der Blick auf die nahen Berge wie auch die tief eingeschnittenen Täler immer wieder motiviert. 14 Uhr in Phortse (3.800 m Höhe). Eigentlich ist das mein heutiges Ziel, aber der Ort sagt mir gar nicht zu. Spontan treffe ich eine folgenschwere Entscheidung und laufe nicht in Richtung Lukla, sondern wieder in die Berge hinein ins Gokyo. Kein leichter Weg, aber ich fühle mich fit. 15.30 Uhr Thare, doch das Dorf besteht nur aus wenigen Hütten, ist verlassen und verriegelt. Das Gleiche eine Stunde später in Thore, wohl wegen dem nahen Winter. Langsam werde ich nervös, denn in einer Stunde geht die Sonne unter. Zurück nach Phortse? Das wären über zwei Stunden. Ich pokere hoch und laufe weiter. Bei schnell sinkender Temperatur wärmere Sachen anlegen und Wasser sparen, denn es gibt weit und breit keine Auffüllmöglichkeit. Bei schwindendem Licht finde ich die notwendige Brücke über den Fluss. Das ist wichtig, denn im dunkeln verschwindet der Pfad zwischen den hell gewaschenen Steinen schnell. Dann das Licht eines Hauses, aber das sind nur Bauern die mich nicht verstehen. Wenigstens geben sie mir abgekochtes Wasser und weisen den weiteren Weg. Im letzten Dämmerlicht über eine zweite Brücke und danach ein langer Anstieg. Glück im Unglück: der Mond strahlt hell, das hilft. Oben angekommen braucht es eine Entscheidung: links oder rechts? Ich laufe nach links und hoffe nach jeder Wegbiegung auf die Lichter eines Dorfes. Es dauert noch ein Stück bis Machhermo (4.470 m Höhe) auftaucht. Was für eine Erleichterung!

von Lobuche nach Phortse

             unterwegs

               Phortse

         seltene Bergziege

In der Lodge staunen sie ungläubig das ich in nur einem Tag von Lobuche bis hier her gelaufen bin und nun praktisch “mitten” in der Nacht, 20 Uhr, auftauche. Wohlwollend kocht man mir noch zwei Essen, zu dem ich eine riesige Kanne Tee verdrücke. Was für ein Tag, was für eine Erfahrung! Mittwoch laufe ich nach dem Frühstück Richtung Norden den Weg ein Stück zurück den ich gestern gekommen bin. Im Tageslicht sieht alles ganz anders aus. Bei den Anstiegen spüre ich die gestrige Strecke in den Knochen, aber der Weg ist heute nicht all zu weit. Das Wetter, auch wenn es langsam langweilig wird, zeigt sich von seiner besten Seite. Am Weg liegen mehrere Seen, wobei der erste klein, der zweite ansehnlich und der dritte außerordentlich schön ist. An seinem Ufer mein nächstes Lager, Gokyo (4.790 m Höhe). Ein Gasthaus findet sich schnell. 12 Uhr: Mittagspause. Danach mit dem kleinen Rucksack los. Hinter dem Dorf führt ein schmaler Pfad rauf auf den Hausberg Gokyo Ri (5.360 m Höhe). Anstrengend, aber mit gutem Rhythmus in anderthalb Stunden zu schaffen. Trotz Möglichkeit verwehre ich mir den Blick nach rechts und warte auf den Gipfel. Oben angelangt schaue ich auf Gokyo und seinen See. Dann der Blick nach Osten: GENIAL. Klar und majestätisch ragt der Gipfel des Mt. Everest aus dem Massiv hervor, groß und mächtig thront er über allem. Dieser Anblick schlägt den am Kala Pattar um Längen und überglücklich vergesse ich all die Anstrengungen des gestrigen Tages. Hier oben stehen zu dürfen und diese Aussicht zu genießen, dafür hat sich das alles gelohnt. Ganz nebenbei sieht man im Norden den Cho Oyu (8.188 m), den 6. höchsten Berg der Erde. Nach vielen Fotos muss ich mich förmlich zwingen den Gipfel wieder zu verlassen, der mir die ganze Zeit allein gehört hat. Die späte Saison hat eben auch ihre Vorteile.

Blick auf Gokyo                   

               der Mt. Everest in seiner ganzen Schönheit

  ich, nah bei den Göttern ;-)

Mit dem ungeplanten Abstecher nach Gokyo ist mein Plan für die Everest Region übererfüllt. Es wird Zeit in wärmere Regionen zu kommen. Donnerstag breche ich von Gokyo auf. Der Blick geht heute noch oft zurück zu den höchsten Gipfeln der Welt. Die sind von hohen Wolken gekrönt und es war gestern wohl der ideale Zeitpunkt für das Staunen auf dem Gokyo Ri. Es ist so kalt das Seen, Bäche und auch kleine Wasserfälle mit Eis überzogen sind. Trotz Sonne lege ich erst spät warme Sachen ab. 10 Uhr in Machhermo, 11 Uhr in Kele. Bergab geht es eben schneller. Dazwischen ein fotogenes Dorf. Zwar verlassen, aber die alten Steinhütten und Mauern haben etwas. Kleine Pässe mit Gebetsfahnen und bald der Blick auf Phortse - weit entfernt auf der anderen Talseite. Als Krönung begegnet mir ein wildes, und seltenes, weißes Yak. Ich nehme das als Zeichen das die “Götter” der Berge mir wohl gesonnen sind. Und das waren sie bisher auf jeden Fall. Am Nachmittag taucht Khumjung (3.780 m Höhe) auf, die ehemalige Hauptstadt der Sherpa. Eine überraschend weitläufige Siedlung. Ich bleibe in einer Lodge direkt im Zentrum. Dort gibt es für mich die erste warme Dusche seit Kathmandu - lieber nicht die Tage nachrechnen. Mit dem letzten Tageslicht hinaus auf einen Hügel. Noch einmal lässt die Sonne für mich die Gipfel von Lhotse und Mount Everest rot erglühen, während sich Richtung Tal die Wolken Stück für Stück die Berge hoch kämpfen. Ein würdiger letzter Abend mitten im Himalaya.

Blick zurück zum Cho Oyu    

           altes Dörfchen

       “mein” weißes Yak

               Phortse

6. und letzte Woche vom 12. bis 17. Dezember 2008
Freitag sehe ich schon eine Stunde nach dem Aufbruch Namche Bazar unter mir. Hindurch und dann die steilen Serpentinen weiter runter. Da ist viel Betrieb. Träger wie auch Karawanen sind auf dem Weg nach oben. So viel Trubel bin ich gar nicht mehr gewohnt. 11 Uhr verlasse ich den Sagarmatha Nationalpark. Später eine Mittagspause in Toktok. Danach wird es schwer, mein Körper ist aufgebraucht, pfeift auf dem letzten Loch. 15 Uhr taucht Lukla auf: Geschafft! Der Himmel zieht sich gerade zu und Nebel macht alles trüb und ungemütlich. Gleich zu Agni Air, wo ich mein Flugticket kostenlos um einen Tag vorverlegen kann - wenn geflogen wird. Die geliehene Daunenjacke in den Laden bringen und zum Essen ein Sherpa Stew Eintopf genießen. 

bald ist Weihnachten ;-) 

           Namche Bazar

     Versorgungskarawanen

     der “Flughafen” Lukla

Samstag 5.45 Uhr aufstehen, andere wecken und zum Flugfeld laufen. Dort bin ich eine halbe Stunde später der erste, noch nicht mal Personal ist in diesem kargen Raum. Verblüffend: ich treffe Leute die ich 10 Tage nicht gesehen habe, die aber nun wieder im selben Flieger sitzen. 7.30 Uhr starten wir. Das heißt: mit der Felswand im Rücken und angezogener Bremse Vollgas geben, Bremse lösen und den abschüssigen Hügel runter rauschen. Bremsen wäre dann sinnlos, denn am Ende der Bahn wartet der Abgrund. Ich bin wohl nicht der Einzige der bei dem Gedanken daran feuchte Hände bekommt. Es geht alles gut und wir landen 8 Uhr in Kathmandu. Dort teile ich mir mit anderen ein Taxi in den Stadtteil Thamel, um mir in bekannter Umgebung ein Zimmer suchen. Das Tibet Peace Guest House hat ganz oben was frei, bedeutet mehr Licht und niemand darüber der lärmt.

                 in den Strassen von Kathmandu

                   entdecke noch so manchen Tempel

Ich bleibe die restlichen Tage in Kathmandu. Es fällt schwer sich wieder an den Trubel und die vielen Menschen zu gewöhnen. Da war die Zeit am Annapurna und vor allem am Mt. Everest im Vergleich dazu himmlisch ruhig. Auch fehlt die klare und frische Luft, ganz zu schweigen von der Aussicht. Nichts desto Trotz tun mir die Tage des Müßiggangs gut. Die vielen Kilometer in den Bergen haben das letzte Gramm Fett am Körper in Muskel umgewandelt, sprich ich bin nur minimal leichter, sehe aber schlanker aus als je zuvor. Der Körper hat nach wochenlangem Genuss von Dal Bhat und Reis leichte Probleme nun wieder Fleisch und  schwer verdauliches Essen zu verarbeiten. Bei Erkundungsrunden durch die Hauptstadt finde ich immer neue Tempel, Märkte und bunte Läden, werde Zeuge einer der hier über Tage gefeierten Hochzeit und treffe sogar Bekannte vom Annapurna wieder, wie klein doch die Welt ist. Ich kaufe einige Souvenirs, die zusammen mit der warmen Kleidung von Malaysia aus nach Hause verschickt werden sollen. Traurig macht die Elektronik. Im Internetcafe ziehe ich mir leider einen Virus auf die Speicherkarte und kann keine meiner Fotos mehr sehen. Das kostet viele Nerven, schliesslich sind das unwiederbringliche Erinnerungen. Der e-Mail Kontakt mit der Herstellerfirma der Speicherkarte macht etwas Hoffnung, die sich mit der Rückkehr nach Deutschland im April 2009 als gerechtfertigt herausstellt. 

beim Metzger        

   stromiges Durcheinander

   der Bus ihres Vertrauens

       das arme Kathmandu

17. Dezember 2008. Das war sie dann, meine Zeit in Nepal. Überraschend: meine Ideen sind komplett aufgegangen, wenn auch am Anfang nichts so geplant war. Das Wetter war super, mein Körper hat gezeigt was er kann und auch die grobe Schätzung für die Flugtermine hat praktisch bis auf den Tag genau gepasst. Ich reise nun weiter nach Südostasien und beginne in Kuala Lumpur, Malaysia. Das war der günstigste Flug im Angebot, der auch routentechnisch sehr gut passt. Für alle die gern weiter dabei sind: klickt auf der Home Seite eine Flagge von Singapur, Malaysia, Vietnam, Thailand , Kambodscha oder auch Laos an.

Durbar Platz                        

   öffentliche Wasserstelle

       das Hochzeitsauto 

 letzter Blumengruß aus Nepal

Nepal, Betrachtungen:
Das war es dann vom Dach der Welt. 40 Tage Nepal. Erstaunlich, ich habe bisher auf keiner Reise in solch langer Zeit so wenig von einem Land gesehen - und dabei doch so viel...
Keine Gegend bisher hatte solch eine Geographie, die funktionierende Infrastruktur nicht nur behindert, sondern ganz unmöglich erscheinen lässt. Straßen sind mühsam zu bauen und wenn dann sind sie gefährlich. Ein prozentual hoher Anteil an Ware wird noch immer mit menschlicher oder tierischer Hilfe transportiert. Auf dem Weg durch die Berge bekommt man das Gefühl Nepal versucht direkt den Sprung vom Mittelalter in die Zukunft, was Probleme schafft. Einkommen klaffen auseinander, Ressourcen leiden und Umweltprobleme existieren nicht nur in den Großstädten. Kein Recycling, teils kontaminiertes Wasser selbst in den Bergen und in sensiblen Regionen, wie am Mt. Everest, sind pro Monat bis zu 9.300 Touristen zusätzlich zu versorgen.
Nichtsdestotrotz bin ich unheimlich glücklich nach Nepal gegangen zu sein. Die Landschaft ist überwältigend schön. Es dürfte inzwischen bekannt sein das ich den Bergen mehr oder weniger verfallen bin. Mit der extra großen Portion davon, war mir manchmal als würden meine Augen ihre Farbe zu blau wechseln, mit all den Gipfeln, dem Schnee und Eis sowie dem häufig wolkenlosen Himmel. Nachts sieht man einen Sternenhimmel der dem in Europa so haushoch überlegen ist wie der Mt. Everest dem Fichtelberg. Es ist nicht nur so das man die großen Sterne leuchten sieht wie Straßenlaternen, nein, dazwischen sieht man wirklich Millionen von kleinen Lichtern von all den Sonnen im unendlichen Universum.
Und sonst? Ich bin ungefähr 400 Kilometer durch den Himalaya gelaufen und war dabei so hoch oben wie noch nie zuvor in meinem Leben. Der Thorong La Pass (5.416 m), dazu die Berge Kala Pattar, Chukung Ri und Gokyo Ri mit 5.300 m bis 5.550 m Höhe. Der Mt. Blanc in Frankreich erscheint mit 4.800 m dagegen klein - und trotzdem musste ich zu manch Gipfel hier noch mehr als 3.000 Meter aufschauen. Das Trekking hat die nahe Ansicht von 7 der 10 höchsten Berge der Welt möglich gemacht, Mt. Everest, Lohtse, Cho Oyo, Makalu, Manaslu, Daulaghiri und Annapurna. Und war ich nicht schon zuvor mit mir im Reinen, so bescherten die Momente voller Stille und Frieden da oben zwischen den Giganten ein solch starkes Gefühl des Glücks, das ich schon mit diesem einen Land so voller Eindrücke bin, wie bei manch anderer Reise erst sehr viel später. Ganz nebenbei habe ich einige Kilo verloren, was bei dem Laufpensum ganz normal erscheint. Die Hauptnahrung in den Bergen bestand fast täglich aus Dal Bhat, dem Nationalgericht, worunter man einen Teller Reis mit einer Linsensauce, die mehr einer Suppe gleicht, und etwas Gemüsecurry versteht. Davon nimmt man nicht zu. Das Essen war mein größter Budgetposten, bei Übernachtungspreisen von 1(!) € kommt man auf knapp 20 € pro Tag, wobei eine Kanne Tee mit circa 4 € zu Buche schlägt. Steigende Preise kommen zum einen durch die zahlreichen und zahlungskräftigen Touristen, zum anderen durch die langen Transportwege. Vieles für die Everest Region muss zum Beispiel von Jiri aus hoch getragen werden, was ungefähr 8 Tage dauert. Noch was zum Schmunzeln, speziell für Kollegen in Hotels und Restaurants. Bett-geh-Zeit war meistens zwischen 20 und 21 Uhr! Kaum zu glauben. Die Tage sind anstrengend, beginnen meist zwischen 6 und 7 Uhr morgens, es wird spätestens um 18 Uhr dunkel und in dieser Jahreszeit kommt mit der Dunkelheit die Kälte, was den Aufenthalt im warmen Schlafsack sehr verlockend macht. Nepal bietet außer den Bergen noch mehr, der tief liegende Süden grenzt an Indien und beherbergt unter anderem Elefanten, Nashörner und andere Tiere. Nur die Aussicht auf ähnliches im Rest von Südostasien hält mich davon ab länger im Land zu verweilen. Ich kehre eigentlich nie in ein bereistes Land zurück, dafür ist die Welt einfach zu groß und hat zu viel zu bieten. Mit Nepal könnte ich mir eine Ausnahme vorstellen...